Folge 12: Bedürfnisorientierung – wie alle bekommen können, was sie brauchen

Du weißt nun, was Bedürfnisse im Gegensatz zu Strategien sind, wie du leichter von deinen Urteilen zu deinen Bedürfnissen finden kannst und welche Haltung dahintersteckt. Aber was genau passiert, wenn du hinter deinen Urteilen deine Bedürfnisse finden kannst und mit ihnen verbunden bist? Warum solltest du diesen Schritt überhaupt gehen?

(„Mit Urteilen oder Bedürfnissen verbunden zu sein“, heißt für mich in diesem Kontext, darauf fixiert zu sein, sich ganz darauf einzulassen, die entsprechende Haltung annehmen).

Ein Vergleich: Urteils- und Bedürfnisorientierung

Wenn du nicht mehr auf deine Urteilen oder deine Lieblingsstrategien fokussiert bist, sondern dahinter geblickt hast und die Bedürfnisse gefunden hast, kannst du ganz anders mit der Situationen und auch anderen Menschen umgehen. Abgesehen von der größeren Vielfalt an Möglichkeiten hat das Erkennen der Bedürfnisse von dir und anderen noch viele weitere Vorteile.

Um dir das zu veranschaulichen, möchte ich dir an einem Beispiel zeigen, wie unterschiedlich wir reagieren oder fühlen können, wenn wir einmal mit den Urteilen verbunden sind und im anderen Mal mit den Bedürfnissen.

Beispiel – die Ausgangssituation:

Ich habe mit meinem Sohn ausgemacht, dass er die Küche putzt, ehe ich heimkomme. Als ich von der Arbeit nach Hause komme, ist die Küche noch genauso dreckig und unordentlich wie morgens. Ich suche meinen Sohn und sehe, er sitzt in seinem Zimmer und zockt mit seinen Kumpels am PC.

Strategie- und Urteilsorientierung:

Mein Standpunkt ist klar: Wir haben es ausgemacht und er hat sich daran zu halten! Er hat ja schließlich eingewilligt und er ist definitiv alt genug, auch mal was im Haushalt zu machen! Ich bin ja hier nicht die Putzfrau, oder?! Da hatte ich so einen stressigen Tag und dann muss man sich zuhause auch noch mit so was rumärgern. Statt dass es EINMAL einfach gemacht wird. Wozu machen wir überhaupt was aus?! Kann er denn nicht einmal sein Wort halten und Verantwortung übernehmen?! Nein, der feine Herr hat Besseres zu tun als seine Mutter mal zu unterstützen, die sonst den gesamten Haushalt macht.

Wie du siehst, habe ich mich hier ganz schön in Rage gedacht. Ich spüre selbst beim Schreiben eine intensive Wut in mir aufsteigen, obwohl die Situation völlig fiktiv ist. Wenn ich nun nach einer Lösung suche, wird die Sache für mich klar sein: Er muss die Küche aufräumen und sein Zocken einstellen. Und wenn er das nicht einsieht, „muss“ ich Gewalt anwenden und ihm drohen. Notfalls wird das W-lan ausgestellt, dann hat er eben Pech gehabt.

Auf Strategieebene haben wir Konflikt, der nur gelöst werden kann, indem mindestens einer auf sein „Bedürfnis“ (das eigentlich eine Strategie ist), verzichtet oder einen Kompromiss eingeht. Aus meiner Sicht wird das mein Sohn sein, aus seiner Sicht werde das ich sein – ein Machtkampf ist entfacht.

Wenn ich mit diesen Urteilen und dieser Fixierung darauf, dass mein Sohn jetzt sofort die Küche aufzuräumen hat, in eine Gespräch gehe, werden wir sehr wahrscheinlich keinen friedlichen Ausweg finden.

Vermutlich leiden am Ende wir beide, selbst wenn ich meinen Sohn durch Drohungen, Schimpfen oder Argumentieren dazu bewegen kann, die Küche aufzuräumen. Er wird missmutig sein, ich werde gestresst und weiterhin ärgerlich sein, weil ich mir ja gewünscht hätte, er hätte es von sich aus getan – und weil ich mir eigentlich von Herzen einen liebevollen, rücksichtsvollen Umgang in der Familie wünsche. Nichts davon ist dadurch erfüllt, dass ich ihn zwinge.

Marshall Rosenberg (der „Begründer“ der GFK) hat mal gesagt, er konnte seine Kinder nie durch Strafe dazu bringen, das zu tun, was er wollte. Er konnte sie nur dazu bringen, im Nachhinein zu bereuen, es nicht getan zu haben. Allerdings haben sie ihn im Gegenzug ebenfalls bitter bereuen lassen, dass er sie hat bereuen lassen. Ein Kreislauf der Unzufriedenheit und des Gegeneinanders.

Es geht aber auch anders. Wenn ich spüre, dass diese Urteile in mir aufsteigen, kann ich durchatmen und versuchen, erst meine und dann die Bedürfnisse meines Sohnes zu erkennen.

Übung:
Überlege dir mal in diesem Beispiel, um welche Bedürfnisse es mir und meinem fiktiven Sohn in dieser Situation gehen könnte.

Wenn du dir ein paar Bedürfnisse überlegt hast, lies gerne weiter.

Bedürfnisorientierung

Ich schildere dir hier mal einen exemplarischen inneren Prozess, den ich als Mutter in der Situation gehen könnte. Wichtig ist, dass ich DAVOR meine Urteile zulasse, also ihnen zuhöre und meinen Ärger und Frust annehme – das darf alles da sein. Nur bleibe ich dann eben nicht dort stehen, sondern erforsche weiter, worum es mir eigentlich geht und was mir so wichtig ist in dieser Situation.

Stelle dir also vor, ich habe bereits meinem Ärger Raum gegeben, mir meine Urteile angehört, mich selbst ernst genommen in meinen Gefühlen und würde nun anfangen, in mich hineinzuspüren, nachdem ich mich etwas beruhigt habe:

Puh, ich bin echt erschöpft. Wenn ich von der Arbeit heimkomme, mag ich mich einfach wohlfühlen und zurücklehnen können. Da geht es mir um Ruhe und Wohlbefinden. Ich merke, wie anstrengend die Vorstellung ist, jetzt noch in den Konflikt zu gehen und denke: „Wozu machen wir überhaupt was aus?! Kann er denn nicht einmal sein Wort halten und Verantwortung übernehmen?!“ Ich hätte es gerade wirklich gerne leicht und harmonisch zuhause. Und ich hätte gerne, dass ich mich selbstverständlich darauf verlassen kann, dass wir uns in der Familie gegenseitig unterstützen so gut es geht – zumindest in dem Rahmen, den wir vereinbart haben. Das heißt, es geht mir auch um Verlässlichkeit, Unterstützung und auch um Rücksichtnahme.

Und da ist auch noch etwas anderes. Ich habe das Urteil: „Ich bin doch nicht die Putzfrau von allen!“ – Hmm, ich möchte vielleicht, dass sich in der Familie alle am Haushalt beteiligen, also Ausgewogenheit oder Fairness? Gleichzeitig ist da so ein Gedanke wie „Alles, was ich mache, nimmt er für selbstverständlich!“. Ich glaube, da geht es mir um so etwas wie Respekt für das, was ich täglich für die Familie leiste. Ja, ich möchte damit gesehen werden, was ich alles neben der Arbeit noch für die Familie tue. Ich glaube, da sehne ich mich momentan wirklich danach, dass das mal wirklich gesehen und wertgeschätzt wird.

usw.

Wie geht es dir, wenn du diesen Text liest? Ist es anders als in der Version, die bei den Urteilen stehengeblieben ist?

Natürlich kommt es auch hier auf die Haltung an. Ich kann Bedürfnisse nennen und trotzdem noch in dem Gedanken sein: „Und du hast es falsch gemacht und bist schuld!“ Dann kann es sein, dass ich meine Gefühle noch nicht genug zugelassen und gespürt habe und es noch etwas mehr Zeit braucht, um wirklich in eine eigenverantwortliche Haltung zu gelangen.

Wenn ich Erleichterung spüre und merke, dass ich mehr damit verbunden bin, wie wichtig mir diese Dinge im Umgang unter Menschen sind, als damit, dass jemand etwas falsch gemacht hat, kann ich versuchen, meinen Sohn zu verstehen.

Worum könnte es meinem Sohn gehen?

Ich versuche, mich in ihn hineinzuversetzen. Er kommt von der Schule nach Hause und vielleicht geht es ihm ähnlich wie mir. Er will einfach nur seine Ruhe haben, abschalten, sich fallenlassen und einfach mal sein – ganz ohne Anforderungen. In der Schule wird ihm die ganze Zeit gesagt, was er tun soll und zuhause mag er vielleicht einfach auch mal selbst entscheiden, was er wann macht.

Also setzt er sich an den PC und vergisst vielleicht auch völlig die Zeit. Es macht ihm Spaß, er ist in Gemeinschaft und genießt die Zugehörigkeit und das gemeinsame Spielen. Er mag gerade gar nicht daran denken, was noch alles zu erledigen ist, sondern einfach im Moment präsent sein und genießen. Das kann ich so gut nachvollziehen!

Ob ich mit meinen Vermutungen über meinen Sohn richtig liege, spielt keine Rolle. Ich merke ein Verständnis für und eine Verbindung zu ihm. Ich kenne diese Bedürfnisse, genau dieselben habe ich nämlich auch oft! Ich merke bereits, dass sich in mir etwas entspannt und bin nicht mehr im Gedanken, dass er was falsch gemacht hat oder einfach nur faul und unzuverlässig ist. Nun habe ich eine Basis für gegenseitiges Verständnis geschaffen: Die Bereitschaft, mich auf mein Gegenüber einzulassen.

Menschen tragen gerne bei!

Eine der Grundannahmen der GFK ist Folgende:

Menschen tragen gerne zum Wohle anderer bei, wenn

– sie es freiwillig tun können,
– die Verbindung stimmt und
– sie sicher sind, dass ihre Bedürfnisse auch berücksichtigt werden.

Reflektiere diese drei Punkte mal für dich und prüfe, ob sie auf dich zutreffen.

Magst du lieber etwas für Menschen tun, wenn du gezwungen wirst oder wenn du es freiwillig tun kannst? Trägst du lieber zum Leben anderer bei, wenn du sie nicht magst oder wenn ihr euch gut versteht? Und ist es leichter, etwas für andere zu tun, wenn du denkst, dass deine Wünsche der anderen Person egal sind oder wenn du weißt, dass auch du insgesamt berücksichtigt wirst?

Ziemlich eindeutig vermute ich, oder?

In ein Gespräch mit meinem Sohn zu gehen, wenn ich in Urteilen bin und auf meine Lieblingsstrategie fixiert bin, führt vermutlich dazu, dass ich ihn zwingen oder überreden will, von oben herab mit ihm umgehe und seine Bedürfnisse mir in diesem Moment völlig egal sind. 

Wenn ich aber offen für die Gefühle und Bedürfnisse meines Sohnes bin und mich nicht mit meinen Urteilen, sondern mit meinen Gefühlen und Werten zeige, kann tiefe Verbindung entstehen.

Außerdem gehe ich dann nicht ins Gespräch mit dem Gedanken, dass ich ihn jetzt überzeugen muss, genau das zu tun, was ich will, nämlich die Küche aufzuräumen. Sondern ich gehe mit ihm ins Gespräch, weil ich einen Weg finden will, der unsere beiden Seiten berücksichtigt. Ich möchte wirklich einen Weg finden, mit dem wir beide uns wohlfühlen. Und das macht meinem Sohn wesentlich wahrscheinlicher Lust, ebenfalls einen gemeinsamen Weg zu finden. (Achtung: Keinen Kompromiss nach dem Motto „Jeder verzichtet ein bisschen!“, sondern einen Konsens, mit dem jeder wirklich gehen kann!)

Wenn ich also in der Lage bin, meine Bedürfnisse und die Bedürfnisse des anderen zu verstehen, kann ich die Wahrscheinlichkeit massiv erhöhen, dass wir beide bekommen, was wir brauchen. Wir können NACHHALTIG einen Weg finden, den wir beide gerne gehen, weil wir in echter Verbindung sind, es freiwillig tun können und wir beide in der Gleichung berücksichtigt werden.

Wenn du jetzt Lust bekommen hast, selbst einzusteigen und zu lernen, wie du den Umgang mit anderen Menschen erreichst, den du dir wünschst, dann besuche gerne ein Seminar von mir oder melde dich zu einem persönlichen Coaching an:

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