Folge 18: Authentisch ausdrücken in Konflikten – Tipps zu Haltung und Sprache

Haltung und Tipps zu den vier Schritten

Gerade im Bezug auf Konflikte ist es mir noch einmal ein besonderes Anliegen, die Haltung hinter den vier Schritten zusammenzufassen, damit GFK nicht als Werkzeug zur Manipulation verwendet wird, sondern als Möglichkeit, eigene Klarheit zu gewinnen und die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, ein wertschätzendes Miteinander zu finden. Um in die jeweilige Haltung zu kommen und sie auch rüberzubringen, zeige ich dir hier noch einmal sprachliche Formulierungen, die häufig aufdecken, in welcher Haltung wir uns befinden und solche, die uns helfen können, in die GFK-Haltung zu kommen. 

GFK lernen ist ähnlich wie das Lernen einer Fremdsprache. Anfangs lernen wir Vokabeln und Grammatik und müssen bei jedem Satz genau nachdenken, wie er gebildet wird. Aber am Ende, wenn wir die Sprache durch viel Üben und Praktizieren wirklich beherrschen, machen wir einfach und denken nicht mehr über Grammatik oder Vokabeln nach – schmeißen vielleicht sogar Regeln wieder über den Haufen, weil wir anfangen, umgangssprachlich zu sprechen, und passen uns immer mehr dem an, wie die Muttersprachler der jeweiligen Sprache natürlicherweise sprechen.

Denk also daran, dass die Sprache und die Form der GFK ein Werkzeug ist, um der entsprechenden Haltung näherzukommen, und sie an sich kein Endziel bildet. Im Gegenteil: umso mehr du die Haltung verinnerlichst, desto gleichgültiger wird es, welche Worte du verwendest. Und da möchten wir Schritt für Schritt hinkommen.

Um dem einen Schritt näherzukommen, gebe ich dir hier ein paar Tipps zu Haltung und Sprache. Sie sind für jeden der vier Schritte aufgeteilt in „Achtung„, wo ich darauf hinweise, wann du NICHT in der GFK-Haltung bist, dann schildere ich unter „GFK-Haltung„, was in der GFK stattdessen die Haltung ausmacht und bei „Tipp“ bekommst du konkrete Hinweise, wie du mit der Sprache deine Haltung erkennen und die Haltung, die du haben magst, bestärken kannst.

1. Wahrnehmung

Achtung:
Ich schildere die Wahrnehmung NICHT, um Recht zu haben oder um dem anderen seinen Fehler aufzuzeigen. Ein „Du hast aber gesagt…“ – „Nein, hab ich nicht!“ – „Doch, hast du!“ zeigt uns, dass wir noch nicht in der offenen, interessierten GFK-Haltung sind, sondern gerade im Recht-Haben feststecken.

GFK-Haltung:
Ich bin offen dafür, dass ich mich entweder irren kann, der andere etwas anderes gehört/gesehen/in Erinnerung hat oder dass ich noch in der Interpretation bin. Mein Ziel ist es, eine gemeinsame Gesprächsbasis zu finden, in der möglichst noch keine Wertung enthalten ist, damit der andere mich auch wirklich hören kann.

Tipp:
Noch leichter fällt diese Haltung, wenn ich nicht sage „Du hast gesagt…“, sondern stattdessen „Ich habe dich sagen hören: …“ oder „Was ich von dir verstanden ist, ist Folgendes: …“ So bin ich noch mehr bei mir und in dem Wissen, der andere kann dennoch etwas anderes gesagt haben. Vielleicht magst du an der Stelle sogar nachfragen, ob dein Gegenüber sich genau so daran erinnert, ehe du zum nächsten Schritt gehst.

2. Gefühle

Achtung:
Ich nenne mein Gefühle NICHT mit dem Gedanken „Und du bist schuld!“ oder mit dem Hinweis, dass das, was der andere getan hat, mich so fühlen lässt. Außerdem hänge ich nicht in der Vergangenheit fest und hole alte Gefühle wieder hervor.

GFK-Haltung:
Ich bin in der Eigenverantwortung. Mir ist klar, dass meine Gedanken und Bedürfnisse mein Gefühl verursachen und mein Gegenüber es nur AUSGELÖST hat. Er hat mich sozusagen darauf hingewiesen, dass da etwas in mir ist, was Erfüllung sucht. Dabei beziehe ich mich auf das Hier und Jetzt, denn nur um die Gefühle, die gerade im Moment lebendig sind, geht es uns in der GFK.

Tipp:
Wenn ich den ersten und den zweiten Schritt kausal (als Begründung) miteinander verbinde, kommt schnell die Haltung rüber, dass der andere für mein Gefühl verantwortlich wäre. Statt also den ersten und den zweiten Schritt zu verbinden, kannst du die Wahrnehmung vorne anstellen und dann das Gefühl kausal mit dem Bedürfnis verbinden. Schau mal, ob du beim Lesen einen Unterschied spüren kannst:

Wahrnehmung und Gefühl gekoppelt (eher nicht in Eigenverantwortung):
Du hast den Geschirrspüler nicht ausgeräumt, (Wahrnehmung)
deshalb bin ich jetzt enttäuscht. (Gefühl)
Ich wünsche mir, dass wir uns an Vereinbarungen halten. (Bedürfnis)

Gefühl mit Bedürfnis gekoppelt (eher in Eigenverantwortung):
Du hast den Geschirrspüler nicht ausgeräumt. (Wahrnehmung)
Hm, ich merk, ich bin da enttäuscht, (Gefühl)
weil mir total wichtig ist, dass wir uns an Vereinbarungen halten. (Bedürfnis)

Formulierungen nach der Wahrnehmung wie „Das macht mich…“ oder „Deswegen bin ich …“ weisen darauf hin, dass du noch in der Haltung bist, der andere hat dein Gefühl verursacht. Versuche dir wirklich klarzumachen, dass dein Bedürfnis der Grund für dein Gefühl ist. Und wenn du in Eigenverantwortung bist, kannst du selbst dafür gehen, dass es dir besser geht – unabhängig von dem, was dein Gegenüber tut. 

3. Bedürfnisse

Achtung:
Bei den Bedürfnissen ist ebenfalls die Eigenverantwortung entscheidend. Ich gehe NICHT davon aus, dass mein Gegenüber für die Erfüllung meines Bedürfnisses verantwortlich ist. Ich gehe am besten NICHT mit absolut leerem Bedürfnis und in großer Not auf den anderen zu, damit er mein Bedürfnis erfüllt. Außerdem achte ich darauf, dass ich NICHT mit dem Fokus im Mangel bin, also mich emotional voll drauf konzentriere, dass das Bedürfnis gerade NICHT erfüllt ist.

GFK-Haltung:
In der GFK-Haltung schaue ich auf die Kraft des Bedürfnisses. Das heißt, ich lenke meinen Fokus darauf, es zu erfüllen, nicht darauf, dass es unerfüllt ist (vom Mangelfokus zum Füllefokus und vom Blick rückwärtig hin zum Blick nach vorne). Außerdem ist mir bewusst, dass es viele Möglichkeiten gibt, mir selbst mein Bedürfnis zu erfüllen oder auch viele andere Möglichkeiten, es zusammen mit meinem Gegenüber zu erfüllen. Ich bleibe neugierig, um einen gemeinsamen Weg zu finden. Ich kann den anderen nur einladen, zu meinem Bedürfnis beizutragen – und er darf die Einladung annehmen oder nicht.

Mein Bedürfnis ist dabei universell und nicht nur in eine Richtung wichtig, sondern in beide. Das heißt, wenn ich mir Respekt wünsche, wünsche ich mir eigentlich einen Raum, in dem wir beide oder Menschen generell respektvoll miteinander umgehen. Wenn ich das nicht so empfinde, hänge ich vielleicht noch in der Strategie fest, dass mein Gegenüber mich jetzt respektieren soll.

Tipp:
Ich formuliere also auch entsprechend so, dass nicht die andere Person einseitig in dem Bedürfnis enthalten ist. Sprich, ich sage nicht, „Ich habe das Bedürfnis, dass DU mir zeigst, dass du mich wertschätzt.“ oder „Ich brauche jetzt DEINE Wertschätzung!“.

Außerdem formuliere ich mein Bedürfnis in die positive Richtung, also nach vorne gerichtet auf die Erfüllung anstatt nach hinten gerichtet auf den Mangel. Sprachlich vermeide ich daher Formulierungen wie „Mir fehlt Wertschätzung!“ oder „Ich kriege nicht genug Wertschätzung!“ oder „Ich werde gar nicht wertgeschätzt!“ (nach hinten gerichtet und auf Mangel fokussiert). Stattdessen formuliere ich positiv, um wirklich die Kraft des Bedürfnisses zu spüren und meine Energie in Richtung Erfüllung statt Mangel zu lenken.

Beispiele für gegenseitige, positiv ausgerichtete Bedürfnisausdrücke:

„Ich merke gerade, wie wichtig mir Wertschätzung ist.“
„Ich wäre gerne in einem Raum voller gegenseitiger Wertschätzung mit dir.“
„Mir ist wichtig, dass wir uns gegenseitig wirklich wertschätzen.“
„Mir ist es echt ein Anliegen, dass Menschen einander wertschätzen.“
„Ich wünsche mir, Beziehungen sein zu können, in denen alle gegenseitige Wertschätzung erleben.“

4. Bitten

Achtung:
Hier bin ich NICHT in einer Erwartungshaltung oder in dem Gedanken „Ich muss den anderen jetzt irgendwie dazu bringen, ja zu sagen.“ – Das beginnt schon beim Gesprächseinstieg oder wenn ich das Thema wechseln will. Ich versuche NICHT, mit GFK zu erreichen, dass der andere sich meinem Willen beugt, egal was er selbst wirklich will.

GFK-Haltung:
Stattdessen bin ich neugierig und offen dafür, was der andere gerade wirklich möchte und welche Wege es vielleicht noch geben kann, in Kooperation oder auch für mich allein meine Bedürfnisse zu erfüllen. Ich bin im Vertrauen, dass der andere, wenn er Nein sagt, eigentlich Ja sagt – zu einem anderen wunderschönen Bedürfnis, das er gerade nicht mit meiner Bitte vereinbar sieht. Wenn ich versuche, wirklich zu verstehen und offen bin für neue Ideen, dann muss ein Nein kein Ende des Gesprächs sein. Und ich weiß, selbst wenn ich mit meinem Gegenüber keinen Weg finde, finde ich einen anderen für mich.

Tipp:
Hier hast du bereits eine Menge Tipps in der 16. Blogartikelfolge erhalten. Einen weiteren möchte ich dir dennoch geben. Deine Haltung zeigt sich bereits zu Beginn des Gesprächs. Schaust du mit offenen Augen auf dein Gegenüber und bist bereit, seine Bedürfnisse zu erkennen und einzubeziehen? Bist du achtsam damit, wie es ihm geht oder möchtest du einfach nur deinen Wunsch durchsetzen? (Das ist auch okay, mir ist nur wichtig, dass du dir dessen bewusst bist.)

Wenn du wirklich offen bist für dein Gegenüber, dann macht es Sinn, bereits zu Beginn mit einer Bitte zu starten: Der Frage danach, ob der Gegenüber gerade bereit ist, das zu hören, was du ihm sagen magst. Ob es dabei um Konflikte geht, Wertschätzung, Ratschläge, Komplimente, was auch immer – vorher nachzufragen, zeigt deine Bereitschaft, wirklich auf dein Gegenüber einzugehen.

Das kann so aussehen:

  • Ich würde gerne mit dir 10 Minuten über eine Situation von gestern Abend reden. Passt das gerade für dich?
  • Mir geht unser Konflikt von vorhin noch so durch den Kopf und ich würde gerne darüber reden. Hast du gerade eine halbe Stunde Zeit und Nerven, um dir das mit mir anzuschauen?
  • Ich mag dir gerne etwas rückmelden, wie es mir gerade in dem Gespräch mit dir geht. Kannst du das gerade hören?
  • Ich würde jetzt gerne wieder zu den Arbeitsthemen zurückkommen. Ist das für dich in Ordnung?

Lernen braucht Zeit

Wenn du dein Beispiel aufgeschrieben hast, kannst du ja mal die Sprache anschauen oder auch in dich gehen und damit deine Haltung überprüfen. Hast du die GFK-Haltung bei allen vier Schritten in deinem Beispiel eingenommen? Spiegelt deine Sprache deine Haltung? Was fühlt sich für dich stimmig an?

Denk bitte daran, dass das alles nur Hilfen zu mehr Bewusstheit sind und kein neues Richtig oder Falsch. Wenn du es nicht schaffst, alles davon umzusetzen, dann herzlichen Glückwunsch: Du bist ein Mensch. 🙂 Ein schöner Spruch, den ich von Christian Hinrichsen (einem lieben GFK-Kollegen) gelernt habe: GFK ist nichts, was immer gelingt, nur immer öfter!

Und es geht auch gar nicht darum, immer die GFK-Haltung zu haben (und schon gar nicht immer die „perfekte“ Sprache oder Form!) – manchmal entscheiden wir uns vielleicht sogar bewusst dagegen! Es geht darum, dass du dich in dieser neuen Haltung und Sprache übst, um immer mehr Bewusstsein sowie Möglichkeiten zu erlangen und selbst entscheiden zu können, wie du handeln, sprechen, denken und fühlen möchtest.

Denk an dich als Kind, als du sprechen gelernt hast. Wie lange hast du Sachen „komisch“ oder gar „falsch“ ausgesprochen, ehe du Worte wie deine Eltern artikulieren konntest? Was wäre gewesen, wenn du dich für jedes Mal „falsch aussprechen“ selbst verurteilt hättest? Oder wenn du nach dem 10. Mal scheitern gedacht hättest „Nee, ich glaube Sprechen, das ist nichts für mich!“? Hast du aber nicht und du kannst sprechen! Und manchmal entscheiden wir uns noch heute, nicht zu sprechen, sondern zu singen, zu schreien, zu lallen, zu murmeln oder zu flüstern. Es gibt kein Falsch – nur Entscheidungen, die wir immer bewusster treffen können, wenn wir mehr lernen. 

Daher lade ich dich ein: Trau dich und übe so viel du kannst! Und GFK lernt sich – wie auch sprechen, laufen oder tanzen – nicht in der Theorie. Also wenn du wirklich GFK lernen möchtest, dann ist es notwendig, in die Praxis zu gehen und ein Seminar oder einen Workshop zu besuchen, wo du wirklich aktiv begleitet üben kannst. Hier findest du zahlreiche Angebote, wie du auch von zuhause aus GFK lernen kannst:

Im nächsten Blogartikel wird es dann darum gehen, wie wir die Schritte der GFK nutzen können, um wirkliche Dankbarkeit und Wertschätzung auszudrücken. Denn schließlich wollen wir nicht nur lernen, Konflikte anzusprechen, sondern auch die erfüllten Bedürfnisse im Leben und das, was uns Freude macht.

Folge 17: Authentisch ausdrücken in Konflikten – Die Bedeutung der vier Schritte

Die zwei Teile der GFK

Du kennst nun die vier Schritte und die Grundhaltung der GFK. Nun gibt es zwei konkrete Richtungen, die du mit diesen vier Schritten immer wieder gehen kannst: Du kannst dir anschauen, worum es DIR geht und für dich reflektieren, was du wahrnimmst, fühlst, brauchst und erbitten kannst. Das nennen wir Selbstempathie. Und das Ganze oder Teile davon kannst du in einem sogenannten „authentischen Selbstausdruck“ auch mitteilen.

Auf der anderen Seite kannst du dir dein Gegenüber anschauen und vermuten, was seine Wahrnehmungen, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten sind. Das kannst du still tun, um für dich in eine empathische Haltung zu kommen und empathisch zuzuhören, oder du kannst in den Dialog treten und in empathischen Vermutungen die Seite deines Gegenübers besser verstehen lernen.

In der GFK geht es vor allem um diesen „Tanz“, auf den wir uns einlassen, wenn wir uns selbst mitteilen, dann wieder schauen, was das beim Gegenüber auslöst, wieder zu uns gehen und dann wieder zum Gegenüber und so weiter. Um die liegende Acht, die wir nachfahren, bei der wir erst die eine Seite nachschwingen, um dann wieder in die andere Hälfte zu fahren und zurück.

Es geht schließlich nicht darum, einem Schema zu folgen und damit dem anderen achtlos hinzuwerfen, was in uns vor sich geht – genauso wenig geht es darum, immer nur zuzuhören und das eigene herunterzuschlucken oder zu verbergen. Es geht um einen echten Austausch, ein Miteinander, ein Ins-Gespräch-Kommen und um echtes Interesse daran, sich gegenseitig zu verstehen. Wie lange die jeweiligen Tanzschritte sind oder wie viel es sind, das bestimmen nur die Personen in jeder individuellen Situation. Je mehr GFK wirklich in deine Haltung und Sprache integriert ist, desto mehr wird dieses Hin und Her wie von selbst gehen.

Und darum geht es letztendlich auch beim Lernen der GFK und der vier Schritte: Dass du immer mehr die Haltung integrierst und dich entweder bewusst dafür entscheiden kannst oder irgendwann vielleicht sogar in vielen Situationen ganz selbstverständlich in der Haltung bist, die du gerne haben magst. Die vier Schritte sind EIN Weg, um zu der Haltung zu kommen. Wenn wir diese erreicht haben, spielen die Worte keine große Rolle mehr und das Ziel ist es, sich auch irgendwann gar keine Gedanken mehr um die Sprache zu machen – aber bis dahin nützen die vier Schritte als Anker und Werkzeug, die Haltung der GFK immer mehr zu verinnerlichen.

In dieser Folge möchte ich dir die vier Schritte zusammenfassend zeigen und ihre jeweilige Bedeutung im Selbstausdruck vermitteln.
In der nächsten Folge bekommst du noch einmal einige Tipps zur Haltung und Sprache zum authentischen Selbstausdruck im Bezug auf Konflikte.
Danach werden wir uns dann anschauen, wie wir den authentischen Selbstausdruck nutzen können, um echte Wertschätzung zu äußern, ehe wir auf die andere Seite gehen und uns der Empathie, der empathischen Haltung sowie den empathischen Vermutungen widmen.

Konflikte ansprechen mit dem authentischen Selbstausdruck

Die vier Schritte sind dazu da, dass du dich selbst besser verstehen und damit auch klarer ausdrücken kannst, worum es dir geht. Um selbst daran zu üben, lade ich dich ein, dir ein Beispiel auszusuchen, in dem du selbst mit jemandem einen Konflikt hattest oder wo du theoretisch gerne etwas ansprechen möchtest, was dich gestört hat.

Dann kannst du dir mal anschauen,

  • was deine Wahrnehmung ist und was deine Interpretation,
  • was deine Gefühle dazu und was deine Gedanken sind,
  • was deine Bedürfnisse und was konkrete Strategien sind und
  • was eine konkrete Bitte sein könnte oder ob du noch in Forderungen steckst.

Versuche mal, eine Situation für dich aufzuschlüsseln. Ich werde dir ein Beispiel hierfür geben:

Meine Freundin sagt zu mir „Von dir hört man auch gar nichts mehr, nie meldest du dich!“

Falls du kein eigenes Beispiel hast (oder zusätzlich!) kannst du auch mal versuchen, wie du diese Situation in den vier Schritten ansprechen könntest. Wenn du das getan hast, kannst du weiterlesen.

Nun lade ich dich gleich zu einer weiteren Übung ein, in der es darum geht, selbst den Unterschied zwischen GFK und der häufig üblichen Ausdrucksweise zu spüren.

Lies dir dafür erst einmal NUR die linke Seite der Tabelle hier drunter komplett durch und stell dir vor, wie es dir gehen würde, wenn jemand so etwas zu dir sagt. Was passiert da in deinem Körper? Wie hoch ist deine Bereitschaft und Lust, den anderen zu verstehen und in Kooperation, Wertschätzung und Miteinander zu kommen? Wie würde es dir selbst gehen, diese Sätze auszusprechen?

Dann lies die rechte Seite und frage dich dasselbe: Was passiert da in deinem Körper? Wie hoch ist deine Bereitschaft und Lust, den anderen zu verstehen und in Kooperation, Wertschätzung und Miteinander zu kommen? Wie würde es dir selbst gehen, diese Sätze auszusprechen?

Wie ging es dir im Unterschied? Hast du was gemerkt? Ging es dir nur bei der Vorstellung, die Sätze so zu hören anders oder auch bei der Vorstellung, sie auszusprechen? Teile deine Erkenntnisse gerne in den Kommentaren!

Letztendlich – wie immer – geht es auch hier um mehr als die Worte. Das sind einfach nur typische Beispiele, wie die jeweiligen Kategorien aussehen können.

Reihenfolge und Bedeutung der vier Schritte im authentischen Selbstausdruck

Die vier Schritte sind grundsätzlich nicht dazu gedacht, sie immer alle vier zu nennen und in dieser strikten Reihenfolge zu bleiben. Dennoch hat die Kombination aus den vier Schritten in dieser Reihenfolge nicht nur in der Selbstreflexion, sondern auch im Ausdruck einen tieferen Sinn.

Wenn wir zuerst die Wahrnehmung nennen, schaffen wir eine gemeinsame Gesprächsbasis. Es ist klar, worum es geht und wie jemand anders dein Leben bereichert hat oder was genau du ansprechen magst, das dich stört. Es schafft einen Referenzpunkt, an dem man gemeinsam ansetzen kann. Mit dem Gefühl zeigst du dich und bietest an, in Verbindung zu gehen, indem du selbst die Türe öffnest. Das Bedürfnis direkt danach drückt aus, um welchen allgemein menschlichen Wert es dir geht, der dein Gefühl verursacht. Einmal dient es dabei dem Zweck, die Selbstverantwortung zu zeigen (weg von „Du bist schuld!“) und weiterhin bietet es den Anknüpfungspunkt, bei dem das Gegenüber sagen kann: „Ja, diesen Wert kenne ich! Das ist mir auch oft wichtig! Darum geht es also!“ Die Bitte dient dann dazu, dem Gegenüber die Chance zu geben, aktiv zu meinem Bedürfnis beizutragen oder mit mir gemeinsam einen anderen Weg zu finden.

Wie du siehst, hat jeder Schritt seine Funktion und seinen Platz im authentischen Selbstausdruck. Es ist aber nicht in jeder Situation jeder dieser Schritte nötig. Ich mag dir dafür einen kurzen Überblick über meine Erfahrungen geben, wann die Schritte besonders wichtig sind und wann man sie eher weglassen kann. Denk bitte daran, dass das keine Anleitung ist, sondern lediglich eine Orientierung, die aus meiner Erfahrung entspringt.

Die Wahrnehmung wegzulassen kann dann sinnvoll sein, wenn bereits sehr deutlich ist, worum es geht. Wenn gerade eben etwas passiert ist, auf das du dich beziehst, brauchst du vermutlich nicht dazusagen, was genau du gerade meinst. Allerdings lade ich dich ein, auch da wachsam zu sein und offen dafür zu bleiben, dass dein Gegenüber sich vielleicht dennoch nicht auf dasselbe beziehen könnte und eine Ergänzung notwendig ist, um Missverständnisse zu vermeiden.

Die Gefühle wegzulassen kann vor allem in Situationen hilfreich sein, in denen keine starke Nähe geschaffen werden soll – also mit Fremden, im Arbeitskontext oder auch bei Menschen, denen du dich nicht verletzlich zeigen magst oder für die es vermutlich zu nah ist. In manchen Kulturen oder auch einfach Familien wird wenig bis gar nicht über Gefühle gesprochen und da kann es Überforderung oder Hilflosigkeit auslösen, jedes Gefühl klar zu benennen.

Die Bedürfnisse bilden den Kern der GFK und sind – so behaupte ich – immer dann sinnvoll, wenn wir tiefer in Verbindung kommen wollen oder es Konfliktpotenzial gibt. Es kann auch einfach der Klarheit und leichteren Nachvollziehbarkeit dienen, die Bedürfnisse zu benennen. In manchen Situationen allerdings wirken die Bedürfnisse fehl am Platz, vor allem wenn es um einfache Alltagskommunikation geht, wie zum Beispiel die Frage, ob mir jemand das Salz reicht – dort würde ich nicht unbedingt sagen: „Ich habe ein Bedürfnis nach Genuss, reichst du mir das Salz?“. Als Richtlinie würde ich sagen, dass es in den meisten zwischenmenschlichen Situationen sinnvoll ist, Bedürfnisse zu benennen. Irgendwann kannst du die Bedürfnisse auch so umgangssprachlich ausdrücken, sodass sie kaum mehr auffallen. Dann kann es auch natürlich rüberkommen, wenn du sagst: „Reichst du mir das Salz? Dann kann ich meine Suppe noch besser genießen!“

Der vierte Schritt ist derjenige, bei dem ich am häufigsten sehe, dass er weggelassen wird und bei dem ich gleichzeitig das Weglassen am problematischsten finde. Wie würde es in einem Gespräch auf dich wirken, wenn jemand zu dir sagt: „Du hast mir 10 Minuten vor unserem Treffen abgesagt. Ich bin da echt enttäuscht und auch etwas sauer, weil mir Verlässlichkeit echt wichtig ist und dass ich meine Zeit sinnvoll nutzen kann.“

Wie geht es dir, wenn die Aussage da endet?

Bei mir kommt so ein Gedanke auf „Und nun?! Jetzt ist es ja zu spät, ich kann nichts mehr daran ändern, was soll ich denn jetzt machen?!“ Ich glaube, dass es Hilflosigkeit und Angst oder Schuld bei den meisten Menschen auslöst, wenn ich nur mein unerfülltes Bedürfnis benennen, aber keine Idee dazusage, was mir gerade helfen würde. Daher ist es gerade in Konflikten essenziell, die Bitte zu äußern, um unserem Gegenüber zu zeigen (und auch selbst klar zu haben!), was er gerade beitragen kann.

Spür mal rein, ob es für dich einen Unterschied macht, wenn am Ende dieser Aussage eine Bitte steht:

„Du hast mir 10 Minuten vor unserem Treffen abgesagt. Ich bin da echt enttäuscht und auch etwas sauer, weil mir Verlässlichkeit echt wichtig ist und dass ich meine Zeit sinnvoll nutzen kann. Ich glaube, mir würde es echt helfen, wenn du mir sagen könntest, was dich abgehalten hat, pünktlich zu sein. Wärst du bereit, mir das zu erzählen?“

Beim nächsten Mal …

In der nächsten Folge werden wir uns noch mit einigen sprachlichen Hinweisen beschäftigen, die deine Haltung deutlicher machen kann. Ich werde dir außerdem zu jedem der vier Schritte sowie dem authentischen Selbstausdruck allgemein ein paar Tipps geben, die mir besonders am Herzen liegen. Hebe also auch die Reflexion deiner eigenen Situation gerne dafür auf und überprüfe dann, ob du noch ein paar Tipps aus der nächsten Folge darin umsetzen magst.

Wenn du jetzt Lust bekommen hast, selbst einzusteigen und zu lernen, wie du die vier Schritte und die Haltung der GFK für dich vertiefen und nachhaltig in dein Leben integrieren kannst, dann besuche gerne ein Seminar/Webinar von mir oder melde dich zu einem persönlichen Coaching an:

Folge 16: Tipps, Tricks und Spielarten von Bitten (GFK-Podcast)

Jetzt weißt du bereits, was Bitten sind, was sie von Forderungen unterscheidet, wie du in die Haltung der Bitte kommst und welche Kriterien hilfreich bei einer Bitte sind, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass sie wirksam ist. In dieser letzten Folge zu Bitten möchte ich dir noch ein paar unterschiedliche Arten von Bitten aufzeigen, um dein Repertoire an Möglichkeiten zu erweitern, und dir ein paar Formulierungshilfen, Tipps und Tricks mitgeben, um ehrlich, authentisch und offen rüberzubringen, was du dir wünschst.

Folge 16: Tipps, Tricks und Spielarten von Bitten

Props und herzlichen Dank an Andi Bree, der das Intro und Outro eingespielt hat! Danke für deine Geduld, Mühe und Offenheit, deine wundervolle Musik mit den Menschen zu teilen!

Folge 15: Drei Kriterien für erfolgreiche Bitten (GFK-Podcast)

Bitten zeichnen sich, wie du nun weißt, dadurch von Forderungen ab, dass wir bei einem Nein trotzdem entspannt und verständnisvoll bleiben. Du hast außerdem in der letzten Folge erfahren, was dazu beiträgt, dass du entspannt und gelassen bleiben kannst, wenn jemand Nein sagt, wie Menschen mehr Lust haben, deine Bitte zu erfüllen und wie du damit umgehen kannst, wenn sie es nicht möchten. In dieser Folge möchte ich noch konkreter auf Bitten eingehen und auf Möglichkeiten, wie du die Wahrscheinlichkeit noch steigern kannst, dass sie erfüllt werden.

Folge 15: Drei Kriterien für erfolgreiche Bitten

Props und herzlichen Dank an Andi Bree, der das Intro und Outro eingespielt hat! Danke für deine Geduld, Mühe und Offenheit, deine wundervolle Musik mit den Menschen zu teilen!

Folge 14: Echte Bitten äußern – entspannt mit einem Nein umgehen (GFK-Podcast)

Wie du in Folge 13 erfahren hast, unterscheidet sich eine Bitte dadurch von einer Forderung, dass sie offen ist für ein Nein meines Gegenübers. Wie aber komme ich in diese Offenheit? Wenn ich denn etwas wirklich möchte, wie ich dann entspannt sein kann, wenn jemand meinen Wunsch ablehnt? Und wie geht es weiter, wenn jemand Nein sagt? In dieser Podcastfolge werden wir uns ausführlich damit beschäftigen, was dir hilft, deine Offenheit zu stärken, und wie du bei einem Nein konkret reagieren kannst.

Folge 14: Echte Bitten äußern – entspannt mit einem Nein umgehen

Wenn du mehr dazu wissen magst, schau dir meinen Talk auf YouTube an, wo es explizit um den sogenannten „Schweinehund“ geht und wie wir mit uns selbst anders umgehen können (der Talk beginnt bei etwa 4 Minuten):

Props und herzlichen Dank an Andi Bree, der das Intro und Outro eingespielt hat! Danke für deine Geduld, Mühe und Offenheit, deine wundervolle Musik mit den Menschen zu teilen!

Folge 13: Bitten – unsere Bedürfnisse in Kooperation erfüllen

Im 4. Schritt, der Bitte, geht es darum, für das zu gehen, was dir wichtig ist, und dir deine Bedürfnisse zu erfüllen. Konkrete Bitten müssen dabei nicht immer an andere gerichtet sein – sie können auch etwas sein, das du dir von dir selbst wünschst. Hier geht es also um ganz konkrete Strategien. Was aber macht eine Bitte aus? Und warum sind Bitten so wichtig und sinnvoll?

Folge 13: Bitten – unsere Bedürfnisse in Kooperation erfüllen

Props und herzlichen Dank an Andi Bree, der das Intro und Outro eingespielt hat! Danke für deine Geduld, Mühe und Offenheit, deine wundervolle Musik mit den Menschen zu teilen!

Folge 12: Bedürfnisorientierung – wie alle bekommen können, was sie brauchen (GFK-Podcast)

Du weißt nun, was Bedürfnisse im Gegensatz zu Strategien sind, wie du leichter von deinen Urteilen zu deinen Bedürfnissen finden kannst und welche Haltung dahintersteckt. Aber was genau passiert, wenn du hinter deinen Urteilen deine Bedürfnisse finden kannst und mit ihnen verbunden bist? Warum solltest du diesen Schritt überhaupt gehen?

Folge 12: Bedürfnisorientierung – wie alle bekommen können, was sie brauchen (GFK-Podcast)

Props und herzlichen Dank an Andi Bree, der das Intro und Outro eingespielt hat! Danke für deine Geduld, Mühe und Offenheit, deine wundervolle Musik mit den Menschen zu teilen!

Folge 16: Tipps, Tricks und Spielarten von Bitten

Jetzt weißt du bereits, was Bitten sind, was sie von Forderungen unterscheidet, wie du in die Haltung der Bitte kommst und welche Kriterien hilfreich bei einer Bitte sind, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass sie wirksam ist. In diesem letzten Blogartikel zu Bitten möchte ich dir noch ein paar unterschiedliche Arten von Bitten aufzeigen, um dein Repertoire an Möglichkeiten zu erweitern, und dir ein paar Formulierungshilfen, Tipps und Tricks mitgeben, um ehrlich, authentisch und offen rüberzubringen, was du dir wünschst.

Unterschiedliche Arten von Bitten

Die meisten Bitten, die wir stellen, sind Lösungsbitten. Dabei bitten wir konkret um eine Handlung in der nahen oder fernen Zukunft. Mit der GFK hat sich mein Verständnis von Bitten seht stark erweitert und ich habe die anderen Arten von Bitten wirklich schätzen gelernt. Daher möchte ich sie dir hier vorstellen und dir einige Tipps dazu geben, wie du es deinem Gegenüber leichter machst, sie auch als Bitte zu hören. 

Beziehungsbitte

Die Beziehungsbitte ist sehr hilfreich für die Haltung der GFK, da es immer um ein hin- und herschwingen zwischen MIR und DIR geht. Beziehungsbitten sind dazu da, um von der Ich-Seite auf die Du-Seite zu kommen.

Das kann so aussehen:

  • Wie geht’s dir jetzt mit dem, was ich gesagt habe?
  • Wie ist das für dich?
  • Was macht das mit dir?
  • Magst du mir gerade sagen, wie du dazu stehst?
  • Wie geht’s dir jetzt?
  • Was meinst du dazu?

Diese Bitte lädt dazu ein, etwas von sich preiszugeben und Verbindung zu stärken. Es wird nicht auf einer Lösungsebene gearbeitet, sondern auf der Beziehungsebene.

Natürlich, bei einfachen Dingen wie „Kannst du mir das Salz reichen?“ ist es oft nicht notwendig, vorher auf die Beziehungsebene zu gehen. Aber bei Konflikten oder eher komplexen Themen, ist es sinnvoll, erst in gegenseitiges Verständnis zu kommen. Wenn wir Lösungen suchen, ehe Verständnis und Verbindung vorhanden ist, ist das Finden von Lösung oft unbefriedigend, schwierig oder gar unmöglich.

Gehen wir zu früh in die Lösungsebene, kann das auch zu unbefriedigenden Kompromissen führen, weil vielleicht gar nicht klar geworden ist, worum es beiden Seiten WIRKLICH geht. Daher lade ich dich ein, die Beziehungsbitte ausgiebig zu nutzen und neugierig zu bleiben für die andere Seite. So können wir aus der Verbindung heraus viel leichter und wahrscheinlicher Lösungen finden, die wirklich für alle zufriedenstellend sind. Wenn beide Seite einander wirklich verstanden haben und in guter Verbindung sind, kommt die Lösung oft von selbst.

Daher lade ich dich ein, die Beziehungsbitte ausgiebig zu nutzen, und offen und neugierig für die andere Seite zu bleiben.

Verständnisbitte

Diese Art der Bitte zielt darauf ab, zu prüfen, ob das, was ich gesagt habe, beim Gegenüber angekommen ist. Ich bitte dabei um Wiedergabe dessen, was die andere Person von mir gehört oder verstanden hat. Damit kann ich sicherstellen, dass meine Bedeutung nicht auf dem Weg und durch die Filter des anderen verloren gegangen ist. Denn:

Zwischen dem was ich denke,
dem, was ich sagen will,
dem, was ich zu sagen glaube,
dem, was ich sage,
dem, was du hören willst,
dem, was du hörst,
dem, was du zu verstehen glaubst,
dem, was du verstehen willst,
und dem, was du verstehst,
gibt es mindestens acht verschiedene Möglichkeiten,

sich nicht zu verstehen.

Verfasser unbekannt

Wenn wir etwas sagen, kann das so leicht anders aufgefasst werden. „Schönes Kleid!“ kann als Kompliment, als Beleidigung, als Scherz, als sexuelle Belästigung oder sachliche Aussage aufgefasst werden. Du kannst Dinge so liebevoll ausdrücken, wie du willst, wenn der andere gerade durch seinen Filter von „Die mag mich nicht und will mir was Böses!“ hört, dann wird er etwas anderes verstehen, als du gesagt oder gemeint hast.

Daher ist es so wichtig, erst einmal zu prüfen, was denn bei deinem Gegenüber angekommen ist. Wenn du weißt, was das Gegenüber gehört hat, kannst du vermutlich die Reaktion besser verstehen und wenn es nicht das ist, was du gemeint hast, bekommst du die Chance, es noch einmal zu versuchen.

Diese Art der Bitte kann aber auch leicht Widerstand auslösen, weil es wie ein „Ausfragen“ in der Schule oder ein Test wirken kann. Dabei hilft es oft, transparent zu machen, warum wir gerade darum bitten und worum es uns dabei wirklich geht. Auch die Verantwortung zu mir zu nehmen, kann das Gegenüber unterstützen, keinen Vorwurf oder Test zu hören.

Einige Beispiele:

  • Ich hab gerade ganz viel gesagt und bin unsicher, ob alles angekommen ist. Wärst du bereit, mir zu sagen, was du gehört hast?
  • Mir ist die Sache total wichtig und ich mag sichergehen, dass ich mich so ausgedrückt habe, dass alles ankam. Es würde mir sehr helfen, wenn du mir zusammenfasst, was du von mir verstanden hast.
  • Kannst du mir wiedergeben, was du von mir gehört hast? Das würde mir total helfen, mit dem Thema abzuschließen.
  • Ich brauche gerade Vertrauen, dass ich alles so rübergebracht habe, wie ich es meine. Es wäre hilfreich für mich, wenn du mir wiedergibst, was du mich hast sagen hören. Könntest du das für mich machen?

Anfangs habe ich mir sehr schwer mit dieser Art des Bittens getan. Nach und nach habe ich immer mehr festgestellt, wie wichtig es ist, weil so viel auf dem Weg verloren geht oder missverstanden wird. Außerdem ist es wirklich heilsam und kann das Gespräch und die Verbindung massiv voranbringen, noch einmal von außen zu hören und gespiegelt zu bekommen, was man gesagt hat. Mir tut es immer sehr gut, wenn ich merke, dass ich wirklich in allem, was mir wichtig war, gehört wurde.

Und wenn die Person bereit ist, das zu tun, dann ist es aus meiner Sicht sehr wichtig, erst einmal Wertschätzung zu äußern, auch wenn das Zusammengefasste überhaupt nicht dem entspricht, was ich gesagt habe.

Das kann dann so aussehen:

  • Danke, dass du mir gesagt hast, was bei dir ankam. Ich merk jetzt, dass ich einiges noch nicht so rübergebracht habe, wie ich es meinte. Ich versuche es nochmal, OK?
  • Vielen Dank, dass du dich darauf eingelassen hast. Dadurch hab ich gemerkt, dass ich noch ein paar Sachen nicht so deutlich gesagt habe, wie ich es gerne getan hätte. Und zwar …
  • Hey, danke dir! Ich bin froh und merk jetzt, dass ich einfach sehr viel auf einmal gesagt hab, sodass nicht alles hängenbleiben konnte, was mir wichtig war. Was mir auch noch wichtig war, sind folgende Punkte: …
  • Aaah, danke, das hat mir gezeigt, dass ich tatsächlich vieles noch nicht so gesagt habe, wie ich es gerne gehabt hätte. Darf ich es nochmal versuchen? 

Wie du siehst, übernehme ich dabei die Verantwortung und sage nicht so etwas wie „Hä?! Das meinte ich gar nicht! Hörst du mir überhaupt zu?!“ oder andere Dinge, die schnell wie Vorwürfe aufgefasst werden und dem anderen sehr wenig Lust machen, mich besser zu verstehen. Mein Gegenüber hat sich darauf eingelassen, worum ich es gebeten habe, und hat sein Bestes gegeben, es mir zusammenzufassen, obwohl er vielleicht gerade sehr mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt ist. Und genau diese Bereitschaft möchte ich zuerst wertschätzen, denn damit hat es mir die Chance gegeben, es nochmals zu versuchen und die Chance zu erhöhen, dass rüberkommt, was mir wichtig ist.

Denk auch bei dieser Bitte an das Prinzip: Wenn jemand nein sagt, steht mindestens ein wesentliches Bedürfnis dagegen. Vielleicht kam eine Forderung an? Vielleicht hat er Angst vor deiner Reaktion, wenn er etwas „falsch“ sagt oder vielleicht hört sie doch eine „Ausfrage“? Offenes Nachfragen kann dabei helfen, es herauszufinden.

Dialogbeispiel: 

Ich hab dir jetzt viel von mir preisgegeben. Es würde mir total helfen, von dir nochmal zu hören, was bei dir angekommen ist.

– Ich hab dich schon verstanden.

Hm, du sagst, dass du es verstanden hast. Ich hab echt Sorge, dass du was anderes verstanden hast, als ich meine. Wärst du denn bereit, mir zu sagen, was genau du verstanden hast?


Das ist doch dämlich. Ich hab dich verstanden!

Du findest das dämlich? Möchtest du einfach, dass ich in deine Fähigkeiten vertraue, das aufzufassen, was ich sage?

– Hä?! Ja, ich bin ja nicht blöd. Ich kann dir schon folgen.

Ah, meine Bitte kommt bei dir so an, als würde ich dich für blöd halten? Erlebst du’s so als Test, ob du richtig zugehört hast?

– Ja, na klar!

Ah okay. Ich kann verstehen, dass es so rüberkommt, gleichzeitig hab ich’s gar nicht so gemeint. Ich würde dir total gerne nochmal sagen, warum mir das so wichtig ist. Passt das für dich?

– Ja, meinetwegen.

Ich hab einfach den Eindruck, dass total schnell in so einem Gespräch was anders rüberkommt, als man es eigentlich meint, ganz unabhängig davon, wie gut jemand zuhört, einfach nur weil wir unterschiedliche Menschen sind. Und ich würde total gerne sichergehen, dass ich die Sachen, die mir wichtig sind, richtig rüberbringen konnte. Und wenn ich höre, dass was anders ankam, sehe ich es total als Chance, mich noch mal zu korrigieren. Daher wäre das für mich total hilfreich, so als Feedback, weißt du?

– Hm, achso. Ja, okay. Ich kann’s ja mal versuchen. Also …

Ich lade dich ein: Sei mutig und probiere es mal aus. Fange vielleicht bei Menschen an, die dafür offen sein könnten, und erzähle ihnen, wenn du magst, auch von den Hintergründen und warum du das ausprobieren möchtest. Es könnte dadurch viel mehr Verständnis und Verbindung zustande kommen, als du erwartest. Und irgendwann ist es vielleicht Gewohnheit und ganz normal, diese Bitte zu stellen.

Bereitschaftsbitte

Bei der Bereitschaftsbitte geht es im Prinzip bereits um eine Lösung. Nur frage ich nicht, ob die Person in der Zukunft dies oder jenes tun wird, sondern ich frage in diesem Moment die Bereitschaft dazu ab. Also statt zu sagen: „Bitte hilf mir morgen beim Einkaufen, okay?“, frage ich: „Wärst du bereit, mir morgen beim Einkaufen zu helfen?“

Der Unterschied besteht darin, dass wir nur für den Moment etwas zusagen können – niemand von uns kann in die Zukunft schauen. Aber wir können entscheiden, ob wir in diesem Moment die Bereitschaft verspüren, etwas zu tun oder nicht.

Dieser kleine Unterschied stärkt aus meiner Sicht die Offenheit, wenn die Person es dann doch nicht tut. Sie hatte in dem Moment die Bereitschaft, aber dann hat sich eben etwas verändert und wir bleiben neugierig und offen für andere Wege. Es ist kein „Vertrag“, den die Person mit ihrem Ja unterschreibt, und bei dem wir dann strafen dürfen, wenn sie es dann doch nicht tut. Es geht also auch hier darum, offen zu bleiben, dass sich immer etwas ändern kann, auch wenn die Person im Moment des Ja-sagens wirklich vorhat, die Bitte zu erfüllen.

Wertschätzungsbitte

Die Wertschätzungsbitte ist für jede Art von kontinuierlicher Beziehung hilfreich und sinnvoll. Wie oft redest du in verschiedenen näheren Beziehungen, zum Beispiel in der Arbeit, im Freundeskreis, aber vor allem mit deinem Partner oder auch dir selbst, über Dinge, die nicht klappen, die du gerne anders hättest oder womit du unzufrieden bist? Wie oft sprichst du über Fehler, Probleme oder Kritik? Und im Vergleich dazu – wie oft äußerst oder erhältst du echte Wertschätzung?

Diese Fragen kann nur jeder für sich beantworten. Ich habe einmal einen Satz gehört, der in mir große Resonanz ausgelöst hat: In starken und nachhaltigen Beziehungen ist das Verhältnis von Kritik und Wertschätzung eins zu fünf. Das heißt, es wird fünf Mal Wertschätzung geäußert für jedes Mal, in dem über etwas gesprochen wird, das nicht so gut läuft oder das man sich anders wünscht. In mir hat dieser Satz eine große Sehnsucht ausgelöst, in Beziehungen viel mehr über das zu reden, was schön ist, anstatt hauptsächlich Probleme anzusprechen.

Ich glaube, dass das in den wenigsten Beziehungen so gelebt wird, aber seit ich darauf achte, merke ich, wie hilfreich es ist, auch diese Dinge zu äußern und zu hören, um nachhaltig genährt zu werden und zufrieden zu sein mit Beziehungen. Wenn du also auch mehr Sehnsucht danach hast, zu hören, was gut gelaufen ist und was andere an dir schätzen, dann lade ich dich ein, mal eine Wertschätzungsbitte zu äußern.

Das kann so aussehen:

  • Wir haben jetzt darüber geredet, was du in der Beziehung gerne anders hättest. Jetzt wüsste ich auch total gerne etwas, womit du bereits zufrieden bist. Bist du bereit, mir drei Dinge zu sagen, die du an unserer Beziehung schätzt?
  • Nachdem ich jetzt weiß, was ich besser machen kann, würden Sie mir bitte auch sagen, womit Sie an meiner Arbeit bereits zufrieden sind? Das wäre ein gutes Feedback für mich, um auch zu wissen, wo ich bereits Ihre Erwartungen erfülle und es würde mich motivieren.
  • Ich hab gerade Lust auf Wertschätzung. Hast du Lust, dich jetzt mit mir hinzusetzen und wir sagen uns abwechselnd Dinge, die wir aneinander mögen?
  • Ich bin gerade unsicher durch unseren Konflikt und ich würde total gerne hören, was du an mir schätzt. Magst du mir noch mal deutlich sagen, warum du mit mir befreundet bist und was du gerne an mir magst?

Für viele Menschen mag das beängstigend wirken, sich so zu zeigen. Denk daran, dass es eine Bitte sein sollte und du nicht in der völligen Bedürftigkeit sein solltest, während du darum bittest, da es sonst eine Forderung ist und es sehr wahrscheinlich ist, dass es beim anderen Druck oder Widerstand erzeugt.

Gerade bei dieser Bitte weise ich daher ausdrücklich darauf hin, dass es wichtig ist, in einer offenen Haltung zu sein: Mein Gegenüber ist nicht dafür zuständig, mein Bedürfnis nach Wertschätzung zu erfüllen. Ich lade ihn dazu ein, um ihm die Möglichkeit zu geben, zu meinem Leben beizutragen. Wenn er das gerade nicht möchte (aus welchem Grund auch immer), ist das völlig okay. Ich finde andere Strategien, um gut für mich zu sorgen und meine Wertschätzung zu füllen – zum Beispiel von mir selbst.

Bitten als Bitten rüberbringen

Nun hast du einige verschiedene Bitten sowie einige Formulierungshilfen dafür bekommen. Nun möchte ich dir allgemein noch ein paar Ideen mitgeben machen, wie du noch besser rüberbringen kannst, dass es sich bei deiner Bitte um eine Bitte handelt.

Natürlich ist die Formulierung kein Garant, wie du weißt. Es kommt stark darauf an, in welcher Haltung zu bist, was dein Gegenüber von dir gewohnt ist, in welcher Stimmung sie sich befindet usw. Aber die Formulierung kann dir helfen, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass du so gehört wirst, wie du es meinst.

Hier bekommst du noch einmal ein paar Formulierungsvorschläge, wie du Bitten noch deutlicher als Bitten kennzeichnen kannst:

  • Ich würde ich total freuen, wenn du mir am Wochenende beim Streichen hilfst. Hast du Lust? Es ist völlig okay, wenn du nein sagst.
  • Ich möchte das Gespräch hier beenden und morgen nochmal schauen, ob wir es wieder aufgreifen. Passt das so für dich?
  • Ich würde gerne am Wochenende einen Ausflug mit dir machen. Hast du auch Lust? Und bitte sag nur zu, wenn du auch wirklich magst – sonst würde ich mal Tina fragen.
  • Wärst du bereit, nach dem Essen mit mir im Internet nach schönen Hotels für unseren Urlaub zu suchen? Wenn du keine Lust hast, ist das auch in Ordnung, dann finden wir einen anderen Tag.
  • Passt es für dich, wenn wir jetzt noch 10 Minuten kuscheln, ehe wir losfahren?
  • Ich hab gerade die Idee gehabt, dass wir jetzt Musik anmachen und beide 30 Minuten lang jeweils einen Raum so richtig durchputzen. Was hältst du davon?

Dabei möchte ich noch einmal ausdrücklich hinweisen: Verwende diese Formen nur dann, wenn du auch wirklich die Offenheit hast, dass dein Gegenüber ablehnt. Wenn du eine Forderung als Bitte verkleidest, wird die andere Person das sehr wahrscheinlich spüren und das Vertrauen in dich sinkt enorm. Wenn du dann eine echte Bitte stellst, kann es sein, dass die Person nicht darauf vertraut, da sie schon zu oft verkleidete Forderungen erlebt hat.

Ich lade dich ein, wirklich authentisch und ehrlich zu sein, und dir selbst zuzugestehen, wenn du gerade keine Bitte stellen kannst. Wie kann das aussehen?

Was tun, wenn du gerade nicht offen für ein Nein sein kannst?

Natürlich ist es uns nicht immer möglich, eine Bitte zu stellen. Wenn wir gerade diese Offenheit nicht spüren und auch keine Zeit oder keine Kraft haben, unsere Forderung zu hinterfragen und mithilfe der vier Schritte in die Offenheit zu kommen, macht es Sinn, damit transparent zu sein. Ich lade dich ein, die Forderung dann nicht als Bitte zu verkleiden, sondern klar als Forderung zu äußern.

Meine Erfahrung zeigt, dass häufiges Bitten beim anderen die Toleranz für Forderungen stärkt. Das heißt konkret, wenn ich die meiste Zeit wirklich versuche, gemeinsame Wege zu finden, und es dann einmal nicht schaffe, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass mein Gegenüber die Dringlichkeit und meine Not erkennt und dann – auch ohne große Konsequenzen für die Beziehung – einfach tut, was ich verlange.

Wenn allerdings Forderungen der Grundtenor in der Beziehung sind, steigen Unzufriedenheit und Widerstand zunehmend und die Beziehung nimmt Schaden. Wenn dann tatsächlich mal die Offenheit für ein Nein da ist, fehlt oft das Vertrauen und das Gegenüber erlebt es trotzdem als Forderung. Wenn du also häufig Forderungen gestellt hast, gerade wenn sie als Bitten verkleidet waren, dauert es vermutlich eine ganze Weile, bis dein Gegenüber darauf vertraut, nein sagen zu dürfen.

Transparenz und Ehrlichkeit sind für mich hier besonders entscheidend. Wenn ich mich bemühe, eine Bitte zu stellen, aber merke, dass ich doch keine Offenheit für ein Nein habe, kann ich das entweder in dem Moment oder im Nachhinein auch transparent machen und bedauern.

Das kann zum Beispiel so aussehen:

Bitte geh du heute einkaufen … Oh, ich merk gerade, ich kann nicht offen dafür sein, dass du nein sagst, weil mir das so wichtig ist und ich einfach nicht weiß, wie ich es noch unterbringen soll. Ich würd dir gerne die Freiheit lassen, aber ich kann gerade nicht, sorry. Ich weiß nicht, ob es eine andere Idee gibt, wenn du nicht einkaufen gehen willst, aber ich seh gerade keine.

Ich hab dich vorhin angeschrien, dass du deine Schuhe anziehen sollst. Das tut mir leid, weil ich eigentlich gerne anders auf dich eingegangen wäre. Ich merk gerade, dass ich total unter Druck stand, weil ich unbedingt pünktlich sein wollte und mir gerade in dem Moment nicht anders zu helfen wusste.
Eigentlich mag ich liebevoll mit dir sein und Wege finden, die für dich auch okay sind.

Räum jetzt BITTE endlich dein Zimmer auf! …. Warte mal… Das ist gerade gar keine Bitte, merk ich. Mir ist das gerade alles zu viel hier und diese Unordnung stresst mich total. Ich kann gerade nicht anders sagen als: Ich will, dass du dein Zimmer aufräumst und lass uns heute Abend nochmal darüber reden, wie es zukünftig anders gehen kann, sodass du auch eine Wahl hast.

In dem Moment, wo ich bereits auf diese Weise äußern kann, was in mir vor sich geht, entspannt sich schon etwas. Ich habe Klarheit über meine Bedürfnisse und Gefühle und mein Gegenüber kann leichter verstehen, was gerade in mir vor sich geht oder ging. So steigt das Verständnis, die Transparenz und das Vertrauen, dass grundsätzlich eine gemeinsame Lösung gesucht wird, auch wenn es nicht immer gelingt.

Möglichkeiten, Fehler und Entscheidungen

Ich möchte hier auch noch einmal betonen, dass alles, was ich dir hier mitgebe, nur meine Vorschläge, meine Erfahrungen, meine Ideen sind, wie es gehen kann. Es sind nur Möglichkeiten, kein Muss. Nimm dir raus, was FÜR DICH passt, was FÜR DICH Resonanz hat, was FÜR DICH ansprechend und hilfreich klingt. Probiere es aus, mach deine eigenen Erfahrungen und erweitere dein Repertoire an Möglichkeiten.

Das hier ist nicht das neue Richtig. Es ist ein Angebot, neue Wege zu gehen, eine Einladung, dir über bestimmte Dinge bewusst zu werden, eine Chance, deine Fähigkeiten und Möglichkeiten zu erweitern, um dich immer bewusster und freier entscheiden zu können, wie du mit dir selbst und anderen umgehen magst.

Und wenn dir das nicht gelingt, also wenn du mal nicht authentisch oder ehrlich sein kannst, wenn du eine Forderung als Bitte verkleidet hast oder wenn du deinem Gegenüber die Verantwortung für deine Gefühle und Bedürfnisse auferlegst, dann ist das okay, das ist in Ordnung!

Du kannst dich frei entscheiden, ob du im Nachgang nochmal drüber reden und es revidieren magst, ob du es reflektieren magst, ob du es stehenlassen magst, ob du es ignorieren magst, ob du es annehmen magst. Alles davon ist völlig okay.

Jeder Fehler darf gemacht werden und du darfst selbst entscheiden, ob du dieses Mal daraus lernen magst oder ob du ihn vielleicht noch ein-, zwei-, drei oder hundertmal machen magst und irgendwann anders daraus lernst – oder eben nicht. Es ist jederzeit deine Entscheidung, was du damit machst, und jede Entscheidung darf sein und ist völlig in Ordnung und wertvoll! Es ist dein Leben, dein Tempo, dein Spielplatz.

Du entscheidest. Du gestaltest. Und alles, was ist, darf sein.

Folge 15: Drei Kriterien für erfolgreiche Bitten

Bitten zeichnen sich, wie du nun weißt, dadurch von Forderungen ab, dass wir bei einem Nein trotzdem entspannt und verständnisvoll bleiben. Du hast außerdem im letzten Blogartikel erfahren, was dazu beiträgt, dass du entspannt und gelassen bleiben kannst, wenn jemand Nein sagt, wie Menschen mehr Lust haben, deine Bitte zu erfüllen und wie du damit umgehen kannst, wenn sie es nicht möchten.

Nun möchte ich noch konkreter auf Bitten eingehen und auf Möglichkeiten, wie du die Wahrscheinlichkeit noch steigern kannst, dass sie erfüllt werden.

Bitten sind am erfolgreichsten, wenn sie geäußert werden

Ich sehe so oft, dass Menschen nicht sagen, was sie sich wünschen, aber von anderen erwarten, dass sie genau das tun. Und das ist natürlich eine wunderschöne Vorstellung, die uns vielleicht noch aus der Kindheit nachhängt: Da ist jemand, der weiß, was ich brauche, noch ehe ich es selbst weiß, und tut etwas, um mir genau das zu erfüllen. Das ist leicht, entspannt und geborgen und wird oft in romantischen Filmszenen genau so dargestellt – und leider von vielen Paaren in Erwartung gestellt.

Gleichzeitig habe ich die Erfahrung gemacht, dass es nicht realistisch ist. Abgesehen davon bin ich inzwischen lieber in meiner Eigenverantwortung, gut für mich zu sorgen und mich dafür zu engagieren, meine Bedürfnisse zu erfüllen, als darauf zu warten, dass irgendjemand meine Bedürfnisse errät und erfüllt. Ich spüre gerne meine eigenen Kraft und Wirksamkeit, unabhängig von außen.

Geht es dir da genauso?

Wenn du mindestens ein bisschen zustimmen kannst, möchte ich dich einladen, dir selbst klar darüber zu werden, was genau du dir von anderen wünschst.

Mit deiner eigenen Klarheit darüber und deiner Fähigkeit, das auch anderen Menschen zu sagen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass du genau das bekommst, was du möchtest. Dabei helfen dir 3 Kriterien, die du bei einer erfolgreichen Bitte beachten kannst

1. Formuliere positiv

„Ich hätte gerne ein Zugticket.“ – „Wohin möchten Sie denn?“ – „Nicht nach Paris!“

Es ist oft sehr leicht, zu wissen, was wir NICHT wollen. Wir sagen, womit jemand aufhören soll, was jemand lassen soll, was jemand NICHT tun soll. Das ist oft frustrierend für beide Seiten, weil die Person dann unendlich viele Alternativen zur Verfügung hat, von denen aber viele auch nicht recht sind.

Ein Beispiel:

Eine Lehrerin sagt zu ihrem Schüler: „Hör bitte auf, mit dem Stift auf deinem Buch herumzutrommeln.“ Der Schüler legt den Stift beiseite und trommelt stattdessen mit dem Finger auf dem Tisch.

Der Schüler hat genau das getan, worum die Lehrerin gebeten hat, aber es war nicht das, was sie eigentlich wollte. Vermutlich war sie irritiert von dem Geräusch des Trommelns und wollte es gerne leise haben. Erfolgreicher wäre ihre Bitte gewesen, wenn sie gesagt hätte: „Das Geräusch irritiert mich. Könntest du noch die 10 Minuten bis zur Pause ruhig sitzen bleiben?“

Für uns mag vielleicht völlig klar sein, was wir uns wünschen, aber für unser Gegenüber ist es oft hart, das zu erraten. Oder es ist sehr schwer, Alternativen zu finden, die dann erwünscht sind. Zum Beispiel wenn ein Kind frustriert ist und seine Bauklötze herumwirft und wir sagen „Bitte wirf keine Sachen herum!“, dann nehmen wir ihm vielleicht die einzige Möglichkeit, die es gerade sieht, um mit dem Gefühl umzugehen.

Hilfreicher ist es, wenn wir gleich (dazu)sagen, was für uns okay wäre: „Ich hab Sorge, dass was kaputt geht, nicht, wenn du deine Bauklötze hier drinnen herumwirfst. Wir könnten rausgehen, da kannst du sie rumwerfen, wenn du magst. Hast du Lust?“

Es ist also erfolgsversprechender und angenehmer für alle, wenn wir – mit der bereits besprochenen Offenheit für andere Wege – klar sagen, WAS wir wollen, anstatt auszudrücken, was wir NICHT wollen.

2. Formuliere konkret

Solange wir vage bleiben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir genau das bekommen, was wir uns wünschen, sehr gering. Und wenn wir selbst noch gar nicht wissen, was wir genau wollen, wie können wir dann vom anderen erwarten, dass er es tut?

Beim Gegenüber kann es große Hilflosigkeit oder Überforderung auslösen, wenn wir beispielsweise bei unserem Bedürfnis stehenbleiben, ohne konkret zu sagen, was er jetzt tun kann, um uns zu unterstützen.

Ich brauche mehr Zuneigung!
Ich wünsche mir, dass du mich respektierst.
Ich wünsche mir, dass du mich sein lässt, wie ich bin.
Hör mir doch bitte richtig zu!

Das sind alles Wünsche, die sehr vage sind und unser Gegenüber im Unklaren lassen, wie das für uns aussehen könnte. Respekt, Zuneigung, Zuhören, das sind Dinge, unter denen jeder etwas anderes verstehen kann. Was genau heißt es für dich? Was kann dein Gegenüber tun? Umso konkreter desto wahrscheinlicher ist, dass wir in dem, was wir uns darunter vorstellen, übereinstimmen.

Überlege dir selbst einmal, was wären für dich konkrete Bitten zu den jeweiligen Wünschen? Wie würde das für dich aussehen?

Meine Ideen für konkrete Bitten:

Ich brauche mehr Zuneigung
-> Könntest du mich bitte in den Arm nehmen und einfach ein paar Minuten halten?

Ich wünsche mir, dass du mich respektierst.

-> Bitte begrüße mich zunächst, wenn du nach Hause kommst, ehe du dich vor den Fernseher setzt.

Ich wünsche mir, dass du mich sein lässt, wie ich bin.

-> Würdest du mich nächstes Mal erst fragen, ob ich gerade deine Verbesserungsvorschläge hören will?

Hör mir doch bitte richtig zu
.
-> Mir ist wichtig, dass du mir in die Augen siehst, während ich dir etwas erzähle. Wärst du bereit, dein Handy wegzulegen und mich anzuschauen?

 3. Bitte um Handlungen

Häufig nennen wir keine konkrete Handlung, die unser Gegenüber wirklich nachvollziehen und auch erfüllen kann, sondern begnügen uns mit vagen Aussagen oder mit der Beschreibung von Eigenschaften. Dabei liegen meistens unbewusst Urteile und Interpretationen zugrunde, die oft auch dazu führen, dass die angebliche Bitte eigentlich eine Forderung ist.

Beispiele:

Bitte sei höflicher!
Kannst du nicht etwas liebevoller sein?
Versuche doch einfach, ein bisschen mehr wie Nina zu sein.

Wenn wir um Eigenschaften bitten, sehe ich einige Probleme, die nicht dazu beitragen, dass wir bekommen, was wir wollen, und die auch nicht zu einer guten Beziehung beitragen:

1. Mein Gegenüber weiß vermutlich nicht, was das konkret heißt, da er davon sehr wahrscheinlich eine andere Auffassung hat.
2. Es ist schwer, diese „Bitten“ nicht als Vorwürfe zu hören, da Urteile dahinterstecken.
3. Es steckt sehr wahrscheinlich eine Forderung oder Erwartung dahinter.

Handlungsbitten hingegen geben dem Gegenüber wirklich die Chance, zu verstehen, was ich möchte, und machen es leichter, keine Forderung, Urteile oder Erwartung zu hören. Dabei ist es natürlich auch entscheidend, dass wir unsere Forderungen, Erwartungen und Urteile nicht einfach verstecken, sondern sie mithilfe der vier Schritte bereits abgeschwächt oder aufgelöst haben.

Handlungsbitten könnten folgendermaßen aussehen:

Bitte sei höflicher!
-> Bitte sage nächstes Mal auch Hallo, wenn der Nachbar dich grüßt. Okay?

Kannst du nicht etwas liebevoller sein?
-> Kannst du mich zehn Minuten sanft am Kopf streicheln?

Versuche doch einfach, ein bisschen mehr wie Nina zu sein.
-> Wärst du bereit, jetzt spontan mit mir einen Fahrradausflug zu machen – zum Beispiel an den nächstgelegenen See?

Wenn du nun also um positive, konkrete Handlungen bittest, ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass beide dieselbe Vorstellung davon haben, was gewünscht ist. Außerdem ist es leichter, keine Vorwürfe, Forderungen oder Urteile zu hören. Damit steigert sich natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass es erfüllt ist.

Offenheit als oberstes Kriterium

All diese Kriterien gelten ganz klar mit der Offenheit für ein Nein. Sie dienen NICHT der Manipulation oder Überzeugung des Gegenübers, sondern sie sollen lediglich dazu dienen, dass du dir klarer wirst, wie genau andere dich unterstützen und zur Erfüllung deiner Bedürfnisse beitragen können und sie sollen dir helfen, das auch zu äußern, sodass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es beim anderen ankommt.

Ich wünsche mir, dass über diesen drei Kriterien immer die Frage steht: Bin ich denn gerade offen für ein Nein? – Und wenn das nicht der Fall ist, kann ich mich bewusst fragen: Möchte ich gerade eine Forderung stellen oder mag ich lieber nochmal prüfen, warum ich da gerade so fixiert auf diese eine Lösung bin? Gibt es Alternativen? Was steckt dahinter?

Ich möchte das hier noch einmal betonen, erstens, weil ich mir einen ehrlichen Umgang zwischen Menschen wünsche und nicht möchte, dass diese Kriterien zur Manipulation verwendet werden. Zweitens wird die Klarheit, die mit der Erfüllung dieser drei Kriterien einhergeht, oft mit Fixierung verwechselt oder vermischt.

Klarheit ist nicht Fixierung

Vielleicht hast du die Sorge: „Wenn ich klar sage, was ich möchte, anstatt es in indirekte Formulierungen oder höfliche Floskeln zu verpacken, kommt das vielleicht bei anderen als Forderung oder Fixierung an.“ Falls du das denkst, stimme ich dir zu. Viele Menschen hören in einer klar formulierten Bitte eine Forderung. Irgendwie besteht die (in meiner Bewertung etwas merkwürdige) Annahme, dass, wenn wir uns eine konkrete Strategie ausdenken, diese auch genau so realisiert werden soll oder muss.

Dabei haben Klarheit und Fixierung nicht unbedingt etwas miteinander zu tun. Ich kann Forderungen stellen, die sehr vage sind, und trotzdem darauf fixiert sein, dass es genau so gehen muss, wie ich es will. Ich brauche nicht einmal eine konkrete Vorstellung davon, um darauf fixiert zu sein. Auf der anderen Seite kann ich eine ganz konkrete Vorstellung haben, wie meine Bedürfnisse jetzt erfüllt werden könnten, und gleichzeitig offen für andere Wege sein.

Vielleicht ist es hilfreich, konkrete Bitten als „Ideen“ zu betrachten anstatt als Erwartungen oder Vorstellungen. Der Begriff „Idee“ fühlt sich für mich offen an, da Ideen meistens gar nicht den Anspruch haben, genau so umgesetzt zu werden. Ideen sind nur Möglichkeiten, die erweitert, verändert oder weitergesponnen werden können. Ideen sind oft ein Anfang, kein Ende.

Wenn ich also für mich konkrete Bitten als Ideen betrachte und auch lerne, sie so zu äußern, dass meine Offenheit bei anderen ankommt (und manchmal braucht es eine längere Zeit, bis die Menschen darauf wirklich vertrauen!), kann ich damit einen Raum für weitere Ideen eröffnen. Oder das Gegenüber ist total froh über die konkrete Idee und möchte sie gleich umsetzen.

Im letzten Blogartikel zu Bitten möchte ich dir noch drei Arten von Bitten aufzeigen, damit du dir selbst klarer wirst, um was du bitten kannst, um dein Bedürfnis erfüllt zu bekommen.