Folge 22: Ist das Empathie? – Empathie nach GFK tiefer verstehen und klar abgrenzen

In der letzten Folge hast du schon die GFK-Definition von Empathie näher kennengelernt und erfahren, wie sie sich sich von Mitleid und Sympathie abgrenzt. In dieser Folge lade ich dich ein, dein Erleben von Empathie zu überprüfen und anhand konkreter Beispiele tiefer in die Haltung der GFK zu Empathie einzusteigen und dabei Empathie noch klarer von anderen Konzepten abzugrenzen.

Ich bitte dich, alles, was ich über Empathie und nicht Empathie schreibe, mit folgendem Hintergrund zu lesen:

Es geht NICHT um Richtig oder Falsch! Es geht nicht darum, dass als Reaktion in der GFK nur Empathie gut und zulässig ist.

Es geht – wie bei den anderen Grundunterscheidungen auch – nur darum, uns klar zu machen, was was ist, da es unterschiedliche Wirkungen erzeugt. Ich möchte an keiner Stelle eine Handlung wertend über eine andere stellen oder sagen, dass irgendeine Reaktion „falsch“ wäre. Ich möchte die folgende Übung nutzen, um dir die Definition der Empathie nach GFK näherzubringen und dich zu sensibilisieren für die mögliche Wirkung von verschiedenen Antworten.

Ist das Empathie? Interaktive Übung

Ich gebe dir eine Situation, in der dir jemand sein Leid klagt. Bitte überlege dir zuerst, wie du darauf reagieren würdest, also was du sagen / tun würdest. Danach lies dir die Möglichkeiten unten durch und prüfe, welche der Aussagen für dich empathisch sind.

Wenn du das getan hast, erkläre ich dir einzeln, welche der Beispielsätze meiner Ansicht nach Empathie sind, welche Empathie sogar blockieren könnten und wieso.

Beispiel:
Ein guter Freund erzählt dir: „Mein Vorstellungsgespräch lief richtig mies. Ich hab total gestottert, teilweise Fragen nicht beantworten können und am Ende war die Chefin mir gegenüber kalt und abweisend … Ich bin mir sicher, dass ich es verhauen hab und den tollen Job nicht bekommen werde. Ich fühle mich hundeelend.“

Wie würdest du reagieren? Überlege dir zunächst, was du sagen würdest.

Nun bekommst du ein paar Vorschläge für Reaktionen. Bitte prüfe für dich, welche du als Empathie einschätzen würdest.

  1. Vielleicht machst du mal einen Kurs, um dein Selbstbewusstsein zu steigern?
  2. Ich kenne jemanden, der sucht gerade einen Mitarbeiter in seiner Firma. Ich kann dir den Kontakt geben, wenn du magst.
  3. Weißt du was, wir gehen was trinken. Ich geb’ einen aus!
  4. Du hast dein Bestes gegeben. Du wirst sicher einen Job finden, wo es besser klappt!
  5. Es ist doch noch gar nichts sicher. Mach dir keine Sorgen, es wird bestimmt alles gut!
  6. Die hatten wahrscheinlich einen miesen Tag und waren nicht offen für dich!
  7. Es gibt Schlimmeres auf der Welt. Viele haben überhaupt kein Dach über dem Kopf!
  8. Du musst das einfach positiv sehen. Es kann auch eine Chance sein.
  9. Es tut mir so leid, dass ich dir nicht beim Üben deines Bewerbungsgesprächs geholfen hab, sonst hätte es vielleicht besser geklappt!
  10. Oh je, das tut mir wirklich leid für dich!
  11. Ich kenn das, bei mir war das für den vorherigen Job genauso. Da hab ich …
  12. Ich weiß schon, woran das liegt. Du bist zu unsicher und hast Angst vor Bewertung. Das kommt sicher daher, dass du in der Schule oft gehänselt wurdest.
  13. Ist ja kein Wunder, dass du dich hundeelend fühlst. So was ist wirklich schlimm.
  14. Ich finde das richtig unfair. Du bist so ein guter Kerl! Diese Chefin, die dir nicht mal eine echte Chance gibt, dich arbeiten zu sehen, muss wirklich dumm sein. 
  15. Klingt für mich, als wärst du besorgt und wünschst dir die Sicherheit, einen Job zu finden, mit dem du glücklich bist. Ist das so?
  16. Und jetzt bist du wahrscheinlich total enttäuscht? Wünschst du dir, mit deinen Fähigkeiten wirklich gesehen zu werden?

Lies hier weiter, sobald du alle Sätze für dich eingeschätzt hast.

Empathie ist im Hier und Jetzt (Satz 1-3)

1. Vielleicht machst du mal einen Kurs, um dein Selbstbewusstsein zu steigern?
2. Ich kenne jemanden, der sucht gerade einen Mitarbeiter in seiner Firma. Ich kann dir den Kontakt geben, wenn du magst.
3. Weißt du was, wir gehen was trinken. Ich geb’ einen aus!

Die ersten drei Beispielsätze sind nach GFK nicht empathisch, da Empathie sich auf die Gegenwart bezieht und sein lässt, was ist. Sätze 1-3 lenken vom Gefühl ab, sind in die Zukunft gerichtet und lösungsbasiert. Keiner der Sätze holt den Freund mit seinen Gefühlen ab, die gerade präsent sind. Es wird eher darüber hinweg gegangen, um möglichst schnell einen Weg zu finden, die Trauer und Enttäuschung loszuwerden – mittels Ratschlag, Ablenkung oder Lösungsidee.

Lösungsorientierte Reaktionen sind tendenziell hinderlich für Empathie, da sie nicht annehmen, was ist, sondern möglichst schnell einen Weg raus aus den „negativen“ Emotionen bieten wollen. Sie können dazu führen, dass die innere eigene Kraft des Freundes gehemmt ist, die ihm helfen würde, das Wachstumspotenzial der Situation aus sich heraus voll zu entfalten und zu nutzen – und am Ende eigene Lösungen zu entwickeln.

Empathie findet immer im Hier und Jetzt statt. Der Begriff „Präsenz“ oder „präsent sein“, der für Empathie ganz entscheidend ist, ist eng verwandt mit dem Begriff „Präsens“, also der Gegenwart. Empathie bedeutet: Ich nehme an, was im Hier und Jetzt ist, anstatt in die Zukunft zu planen.

Empathie lässt Gefühle da sein (Satz 4-8)

4. Du hast dein Bestes gegeben. Du wirst sicher einen Job finden, wo es besser klappt!
5. Es ist doch noch gar nichts sicher. Mach dir keine Sorgen, es wird bestimmt alles gut!
6. Die hatten wahrscheinlich einen miesen Tag und waren nicht offen für dich!
7. Es gibt Schlimmeres auf der Welt. Viele haben überhaupt kein Dach über dem Kopf!

8. Du musst das einfach positiv sehen. Es kann auch eine Chance sein.

Auch Sätze 4 bis 8 sind nicht empathisch, denn sie haben zum Ziel, die „negativen“ Gefühle wegzumachen und ein „besseres“ Gefühl zu erzeugen. Vergleiche, Trost, Rechtfertigungen oder Be­schwichtigungen sind auch tendenziell Blockaden für Empathie, da auch sie nicht dazu dienen, das anzunehmen, was gerade da ist. Stattdessen haben sie den Effekt oder das Ziel, die Einstellung und damit das Gefühl des Freundes zu verändern. Solange sein Schmerz allerdings nicht angenommen wurde, wird es ihm vermutlich schwerfallen, eine neue Sichtweise einzunehmen.

Die Wahrscheinlichkeit ist außerdem hoch, dass der Eindruck entstehen, dass das Gefühl, das das Gegenüber gerade fühlt, nicht gerechtfertigt, also „nicht okay“ oder „falsch“ ist. Gerade Reaktionen wie in Satz 7 oder 8 können sogar dazu führen, dass bei der Person, die gerade traurig, enttäuscht oder wütend ist, noch Schuld oder Scham hinzukommen.

Empathie lässt die Gefühle da sein, die gerade da sind, und unterstützt dabei, diese anzunehmen, zu verstehen und den natürlichen Fühlprozess zu begleiten.

Warum es so wichtig ist, Gefühle erst einmal stehen zu lassen, ohne sie verändern zu wollen, hast du bereits in verschiedenen Blogartikeln zu Gefühlen erfahren. Falls du noch einmal nachlesen willst, findest du den ersten Blogartikel zu Gefühlen hier:

Empathie gibt dem Gegenüber Raum (Sätze 9-11)

9. Es tut mir so leid, dass ich dir nicht beim Üben deines Bewerbungsgesprächs geholfen hab, sonst hätte es vielleicht besser geklappt!
10. Oh je, das tut mir wirklich leid für dich!
11. Ich kenn das, bei mir war das für den vorherigen Job genauso. Da hab ich …

In den Sätzen 9 bis 11 wird dem Freund ebenfalls nicht der Raum für seine Emotionen gegeben, der nötig wäre, um seine Situation anzunehmen. Es handelt sich nicht um Empathie, denn statt mich leer zu machen und bei meinem Freund zu sein, lenke ich den Fokus auf mich selbst: nun geht es um meine Gefühle.

In Satz 9 entschuldige ich mich, was bedeutet, dass ich mich mitverantwortlich für das Leid meines Freundes mache. Entschuldigungen führen dazu, dass ich nicht mehr bei den Gefühlen des Freundes bin, sondern in meinem eigenen Schmerz darüber, dass ich dazu beigetragen habe. Dadurch leite ich den Fokus weg von seinen Gefühlen, da es nun um mich geht.

Der 10. Satz ist ähnlich, denn er beinhaltet Mitleid. Mitleid ist – wie bereits im letzten Blogartikel kurz angedeutet – nicht dasselbe wie Mitgefühl oder Empathie. Bei Mitleid – wie das Wort bereits aussagt – leide ich mit der Person und bin ebenfalls im Schmerz. Was Mitleid bewirken kann, kannst du im letzten Blogartikel noch einmal nachlesen.

Im 11. Satz („Ich kenn das, bei mir war das für den vorherigen Job genauso. Da hab ich …“) erzähle ich von eigenen Geschichten und stelle ebenfalls mich in den Mittelpunkt, anstatt dem Freund Raum zu lassen.

Bei MitGEFÜHL oder Empathie bleibe ich selbst außen vor. Ich lasse mich auf die Gefühle der anderen Person ein, ohne sie zu meinen eigenen zu machen. Passend dazu gibt es den Spruch: „Ich laufe in den Schuhen eines anderen, wohl wissend, dass es nicht meine eigenen sind.“

Empathie ist auf das Herz gerichtet (Sätze 12-14)

12. Ich weiß schon, woran das liegt. Du bist zu unsicher und hast Angst vor Bewertung. Das kommt sicher daher, dass du in der Schule oft gehänselt wurdest.
13. Ist ja kein Wunder, dass du dich hundeelend fühlst. So was ist wirklich schlimm.
14. Ich finde das richtig unfair. Du bist so ein guter Kerl! Diese Chefin, die dir nicht mal eine echte Chance gibt, dich arbeiten zu sehen, muss wirklich dumm sein. 

Die Sätze 12 bis 14 sind ebenfalls keine empathischen Reaktionen nach GFK, denn sie gehen nicht auf das Gefühl der Person ein, sondern reagieren tendenziell auf kognitiver Ebene, also auf Kopfebene, mit dem Verstand, der Logik, der Vernunft. Oft ist damit der Versuch verbunden, die Einstellung der Person oder ihr Verhalten zu verändern oder zu analysieren.

Satz 12 diagnostiziert oder analysiert das Verhalten oder die Gefühle des Freundes. Das kann den Freund im Kopf halten und seine negativen Erinnerungen verstärken, anstatt sein Gefühl zuzulassen und sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Analysen können auch dazu führen, dass Menschen sich nicht auf Augenhöhe erleben.

Bei Satz 13 wird begründet, warum das Verhalten und die Gefühle des Freundes gerechtfertigt sind. Dabei geht es nicht mehr nur ums Verstehen, sondern darum, ob ich mit dem Gefühl oder dem Verhalten einverstanden bin – ich bewerte es als „gerechtfertigt“. Wenn du dich erinnerst, das ist eine der klassischen „Sympathie-Reaktionen“.

Auch in Satz 14 bewerte ich und fokussiere mich auf Urteile über andere Personen, die „schuld“ sind.

Diese Reaktionen können seine Wut, den Opferstatus und damit Hilflosigkeit meines Gegenübers fördern. Ich lege den Fokus auf den Mangel und das Leid. Sein Leid kann dadurch vergrößert oder verlängert werden, wenn ich auf seine Urteile einsteige und diese verstärke.

Empathie hingegen legt den Fokus auf die Gefühle und Bedürfnisse der Person, damit die Gefühle Raum erhalten und die Bedürfnisse, um die es geht, erkannt werden können. Dadurch ergibt sich Raum für Heilung und neue Möglichkeiten, nun für die Erfüllung des Bedürfnisses zu sorgen. Denn die Empathie geht nach dem Motto:

Alles, was da ist, darf auch da sein
– und was wirklich sein darf, kann sich verändern.

Gefühle und Bedürfnisse vermuten (Sätze 15-16)

15. Klingt für mich, als wärst du besorgt und wünschst dir die Sicherheit, einen Job zu finden, mit dem du glücklich bist. Ist das so?
16. Und jetzt bist du wahrscheinlich total enttäuscht? Wünschst du dir, mit deinen Fähigkeiten wirklich gesehen zu werden?

Die Sätze 15 und 16 sind aus meinem Verständnis der GFK empathisch. Sie drücken Vermutungen über Gefühle und Bedürfnisse aus und eröffnen der anderen Person den Raum, diese wahrzunehmen, zu spüren und tiefer mit sich in Verbindung zu kommen.

Dabei geht es vor allem um die Haltung, dass ich einen Vorschlag mache, was ich aus dem, was die Person gesagt hat, vermute, was an Gefühlen und Bedürfnissen da ist. Ich frage liebevoll nach und bin offen dafür, dass es um etwas ganz anderes geht.

Nichts ist besser oder schlechter – Alles wirkt!

Die Antworten 1-14 sind nach GFK also keine Empathie. Jedoch heißt das – wie ich bereits zu Beginn sagte – nicht, dass sie als Reaktion auf den Freund schlecht oder weniger wertvoll wären. Sie sind eben nur einfach keine Empathie. Sie bewirken oft etwas anderes, als es Empathie tut. Deshalb ist es nicht schlechter, sondern eben einfach anders.

Je nachdem, was ich bei meinem Freund erreichen möchte, kann ich wählen, ob ich Empathie zeigen, Lösungen finden, Ratschläge geben, ihm eine Lebensweisheit nahebringen oder sonst wie reagieren will. 

Meine Erfahrung sagt: Es kann äußerst schmerzhaft für den Freund sein, der sich gerade öffnet und seinen Schmerz freilegt, wenn er zunächst etwas anderes als Empathie bekommt. Vor allem alle Reaktionen, die seine Gefühle „wegmachen“ wollen, setzen auf den sowieso vorhandenen Schmerz noch Druck und Angst drauf, so wie er sich fühlt nicht willkommen zu sein und etwas ändern zu müssen. Jemand, der vor allem gerade gehört und verstanden werden will und stattdessen einen Ratschlag bekommt, erlebt emotional das Sprichwort „Ratschläge sind auch Schläge“. 

Und auch das gilt nicht für jeden Menschen. Manche Leute möchten ihre Gefühle vielleicht nur aus dem Grund teilen, dass sie in ihren Gedanken bestätigt werden, Lösungen angeboten kriegen oder hören, dass sie mit solchen Geschichten nicht alleine sind.

Daher ist es wichtig, dass wir uns bewusst machen, was Empathie und was etwas anderes ist, damit wir die Person fragen können, was sie sich wünscht, und entsprechend reagieren können.

In der nächsten Folge gehe ich noch intensiver auf die Folgen und die Wirkung von Empathie ein und warum ich es für so wertvoll und wichtig halte, eine empathische Haltung zu erlernen – für mich als Zuhörerin und für mein Gegenüber.

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